Kindern schwimmen beibringen – mit diesen Tipps klappt’s

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Nachdem die Entscheidung gefallen ist, dass ich meinen  Kindern Schwimmen beibringen werde, hatte ich zwei große Themen zu bearbeiten:

  • Wie lässt sich dieser so komplexe Prozess des Schwimmen Lernens in möglichst kindgerechte Häppchen aufteilen und
  • Wie bringe ich als Mutter meinem 4jährigen Sohn etwas bei, ohne dass wir beide permanent aneinander geraten?

Seitdem habe ich mich systematisch mit der vorhandenen Literatur zu beiden Themen auseinandergesetzt und gemerkt: Die Antworten liegen ganz nah beieinander! Mit Hilfe der Methode des genetischen Lernens ist es mir gelungen, ein ganz einfaches System zu entwickeln. So einfach, dass sogar ich meinem Sohn das Schwimmen beigebracht habe. Das komplizierteste am genetischen Lernen ist der Fachbegriff, der sich “übersetzen” lässt in “Learning by Doing”. Beim genetischen Lernen geht es darum, dass Kinder durch das Verstehen, Finden und (selber) Lösen von Problemen lernen.

Oder anders ausgedrückt: Das Kind übernimmt die Führung und der Lehrer bzw. In unserem Fall ihr als Eltern habt die Funktion zu unterstützen und zu helfen. Diese Methode nimmt also schon einmal ganz viel Konfliktpotential aus eurem privaten Schwimmkurs, weil das Kind machen kann, was es will. Es ist wichtig, dass ihr gleich zu Anfang einen Rahmen vorgebt, in dem sich das Kind frei bewegen kann.

Den Rahmen schaffen

Genetisches Lernen bedeutet nicht, dass eure Kinder ALLES machen können, was sie wollen. Gerade im Umgang mit Wasser muss es diesen Bewegungsradius geben. Auch müsst ihr eurem Kind klar kommunizieren, wie dieser Rahmen aussieht und mit welchen Konsequenzen es zu rechnen hat, wenn es diesen Rahmen verlässt. Klärt also gleich zu Anfang, welche Regeln gelten und setzt diese um. Das müssen auch nicht viele sein – gerade jüngere Kinder können sich oft noch keinen ganzen Regelkatalog merken. Eine Regel die bei uns gilt und absolut nicht verhandelbar ist: Wir bleiben zusammen und keiner haut ab. Im Sommer sind wir dann zwar auch 2-3 Mal abrupt aus dem Freibad aufgebrochen, aber seitdem hat es auch geklappt.

Euer Kind ins Boot holen

Das Gute: Die meisten Kinder gehen unheimlich gerne ins Wasser und man muss sie zu einem Schwimmbadbesuch nicht großartig überreden. Der Kinderarzt Dr. Renz-Polster ist auch per se der Meinung, “Kinder stehen morgens auf, um sich Mühe zu geben” – das wichtigste ist also, das Kind nicht zu demotivieren. Was ihr tun könnt, um nicht zu demotivieren:
  • Übt keinen Druck auf Euer Kind aus! Schwimmenlernen braucht Zeit – ihr erinnert Euch an Michael Phelps? Es hat wirklich lange gedauert, ihn davon zu überzeugen, den Kopf unter Wasser zu tauchen! 
  • Spielen ist Lernen! Stellt sicher, dass die Einheiten im Wasser immer mit viel Spaß und Spiel verbunden sind! Kinder lernen anders als Erwachsene – ermöglicht ihnen ein spielerisches Erleben des aufregenden Elementes Wasser.
  • Ganz wichtig auch: Sprecht mit gelassener und ruhiger Stimme wenn ihr mit eurem Kind im Wasser seid. Je ruhiger ihr sprecht, desto mehr muss sich euer Kind auf das konzentrieren, was ihr sagt.Macht so viel wie möglich vor. So gewinnt euer Kind Vertrauen und sieht, die Dinge sind machbar. Nutzt die Chance, wenn auch andere Kinder anwesend sind und zeigt eurem Kind, was alles möglich ist.
  • Lobt euer Kind – oft und ausgiebig. Und nicht nur, wenn es einen der Meilensteine erreicht. Nein – auch, wenn es versucht sie zu erreichen.
  • Plant eure Trainingseinheiten so, dass sie zum Tagesrhythmus eures Kindes passen. Die meisten werden motivierter bei der Sache sein, wenn ihr nicht kurz vorm Schlafen oder statt des Mittagessens Schwimmen geht.
  • Auch wenn ihr mal das Gefühl habt, es geht nicht vorwärts – jede Minute, die sich Euer Kind im Wasser befindet, ist ein Gewinn. Immer, wenn das Kind im Wasser ist, verbessert es sein Gefühl für das Element.

Euer Kind trifft Entscheidungen

Ganz wichtig wenn ihr euren Kindern das Schwimmen beibringen wollt: Lasst sie so viel wie möglich (mit)entscheiden. Ihr habt zwar entschieden, dass Schwimmen für die nächsten Wochen auf der Agenda steht, aber ihr könnt Euer Kind bei ganz vielen Aspekten einbeziehen: Das müssen keine lebensverändernden Entscheidungen sein. Oftmals reicht es schon, wenn wir Kinder eigentlich kleine Entscheidungen treffen lassen, damit sie motiviert bei der Sache sind und das Gefühl haben, aktiv selbst entscheiden zu können. Und wenn ihr sicher sein wollt, dass ihr mit der Entscheidung eures Kindes leben könnt, dann gebt ihm zwei Alternativen vor, zwischen denen es entscheiden kann. Hier einige praktische Beispiele:

  • Für euch spielt es keine Rolle, ob ihr Samstag morgen oder Nachmittag schwimmen geht? Fragt doch euer Kind, wann es lieber gehen möchte.
  • Ihr seid in der glücklichen Lage, dass ihr gleich mehrere Bäder zur Auswahl habt? Lasst euer Kind entscheiden, wo es heute Schwimmen möchte.
  • Ihr setzt beim “Training” ein Spielzeug ein? Fragt euer Kind, welches Spielzeug es heute mitnehmen möchte
  • Will euer Kind zur Belohnung nach dem Training lieber Rutschen oder in eure Arme springen?
  • Welches Handtuch / Badehose / Badekappe / Schwimmbrille wird heute in welche Tasche gepackt
  • In welcher Eisdiele werden nach dem Training die Kohlenhydratspeicher wieder aufgeladen

Auch wenn ihr nicht gerade im Schwimmbad seid (Corona lässt grüßen) – sprecht mit eurem Kind über das Schwimmen. Macht es auch in eurem Alltag zu einem Projekt, bspw. indem ihr die Baderegeln auch in der Wanne übt oder morgens auf der Fahrt in die Schule “trocken” blubbert. Weitere Ideen, wie ihr das Thema in euren Alltag einbauen könnt, findet ihr in einem weiteren Blogbeitrag.

Belohnung vs. Bestechung

Süßigkeiten beim Schwimmenlernen (k)eine geeignete Belohnung

Experten und Wissenschaftler streiten sich schon lange über die Sinnhaftigkeit von Belohnungen – übrigens nicht nur im Umgang mit Kindern sondern auch im Berufsalltag.

Wahrscheinlich habt ihr in eurer Elternkarriere mehr als einmal zu einem der beiden Mittel gegriffen, um bei Eurem Kind ein gewisses Verhalten auszulösen. Ich habe mich auch mit diesem Punkt lange beschäftigt, viel gelesen und recherchiert und bin für den Kontext Schwimmenlernen zu folgenden Best Practices in Sachen Belohnung gekommen:

  • Im besten Fall sollte eine Belohnung nicht vorher angekündigt werden, also nicht der Anreiz sein, aus dem etwas getan wird.
  • V. a. beim Schwimmenlernen können Belohnungen sinnvoll eingesetzt werden, weil sie als eine Art Überbrückung dienen und beim Erlernen einer neuen Fähigkeit helfen. Kann ein Kind erst einmal Schwimmen, wird es diese Fähigkeit nicht mehr verlernen, wenn die Belohnung aussetzt.
  • Man erkennt häufig daran, dass man zu viel belohnt hat, wenn ein Kind direkt fragt, was es denn bekommt, wenn es eine bestimmte Tätigkeit ausführt
  • Falls ihr einen Deal mit Eurem Kind eingeht – haltet Euch dran!
  • Versucht auf Materielles zu verzichten und bietet eurem Kind “Zeit statt Zeug” an. Vielleicht eine weitere Gute-Nacht Geschichte, ein gemeinsamer Ausflug in den Zoo oder ein Besuch bei der Oma als Belohnung an.
  • Falls ihr doch auf “Zeug” zurückgreifen wollt, wählt etwas, das zum Kontext passt. Eine neue Schwimmbrille, ein Badehandtuch oder Badeschuhe bspw. Bei uns gab’s zur bestandenen Seepferdchenprüfung einen Tauchring.

Planung ist die halbe Miete

Planung ist auch wichtig, wenn ihr euren Kindern das Schwimmen selber beibringt

Wie es mit Vorsätzen so ist, reicht das häufig nicht, daher geht es jetzt in die konkrete Planung und wie ihr es am besten umsetzt, eurem Kind das Schwimmen beizubringen.

Auch beim Schwimmen ist ein ganz wichtiger Grundsatz: Übung macht den Meister – bedeutet im Klartext: Wenn ihr aktuell nur einmal im Monat Zeit habt, mit Eurem Kind schwimmen zu gehen – dann macht daraus eine reine Spaßeinheit. Sowohl ihr als auch euer Kind werdet sonst frustriert sein, weil sich keine Erfolge und Fortschritte einstellen. Unsere Empfehlung, wenn ihr jetzt bzw. nach dem Lockdown light euren Kindern das Schwimmen selber beibringt:

  • Geht in den ersten Wochen eures persönlichen Schwimmkurses mind. einmal pro Woche mit eurem Kind ins Schwimmbad (ich weiß in Zeiten von Corona müssen wir momentan schon froh sein, wenn die Schwimmbäder in 2020 überhaupt noch einmal öffnen)
  • Schafft ihres 2-3 Mal (bspw. im Urlaub) umso besser!
  • Plant die Einheiten 7 – 12 Tage im Vorhinein und markiert sie in eurem Kalender.
  • Je häufiger ihr mit eurem Kind ins Wasser geht, desto mehr Chancen hat es, dass Wasser selbständig kennenzulernen und auch Dinge einfach mal auszuprobieren. Ihr werdet sehen, je öfter ihr geht, desto weniger Anleitung und auch Inspiration benötigt euer Kind und es wird euch vorkommen, als ginge das alles von alleine. Besonders am Anfang ist eine Kontinuität unabdingbar.

Dauer

Wie lange sollte eine einheit dauern?

Oft werde ich gefragt, wie lange, die “ideale” Einheit ist. Im Einzelfall hängt das von ganz vielen Faktoren ab. Ich empfehlen immer maximal eine ¾ Stunde, wobei grundsätzlich gilt: Je jünger das Kind, desto kürzer die Konzentrationsspanne und desto weniger Inhalte sollten in eine Einheit gepackt werden. Das heißt natürlich nicht, dass ihr danach sofort fluchtartig das Wasser verlassen müsst! Wenn Euer Kind noch Lust auf Wasser hat, genießt die gemeinsame Zeit, albert herum und erlebt gemeinsam das tolle Element Wasser.

Beachtet auf jeden Fall, dass Euer Kind nicht anfängt zu frieren, denn das kann ebenfalls demotivierend sein. Haltet daher die Bewegungsintensität während den Einheiten hoch.

Auch einer der vielen Vorteile, wenn ihr euren eigenen Schwimmkurs absolviert – ihr könnt jede Einheit nach Tagesform gestalten! Wenn ihr beispielsweise einen halben Tag im Schwimmbad einplant, verteilt die “Lerninhalte” auf die gesamte Zeit.

Die Schwimmbadroutine

Das hört sich jetzt langweilig an, hilft Kindern aber ungemein beim Erlernen einer neuen Fähigkeit: Schafft Routinen und Rituale, wenn ihr ins Schwimmbad geht. Routinen helfen Kindern bei der Orientierung und Strukturierung, da sie Ereignissen erst dann eine Bedeutung beimessen, wenn sie öfter in ihrem Alltag vorkommen. So paradox es klingen mag: Studien zeigten sogar, dass Rituale Kindern Ängste nehmen können und die Selbstständigkeit fördern können. Der Vorteil für uns Eltern: Mit der Zeit laufen die Schwimmbadbesuche und “Trainings”einheiten entspannter ab. Hier habe ich einige Tipps für euch, wie ihr die Einheiten (egal ob im Schwimmbad oder im Rahmen der Wassergewöhnung zuhause) für Euch am besten strukturieren könnt:
  • Setzt euch vor jeder Einheit gemeinsam mit eurem Kind ein Ziel, das ihr erreichen wollt.
  • Dokumentiert das Ziel und auch das, was ihr erreicht habt nach der Einheit in eurem Notizbuch oder -app
  • Startet jede Einheit im Wasser mit dem Ausatmen (Blubbern). Das ist ein Ritual, das auch Eurem Kind zeigt, jetzt geht es los.
  • Beginnt immer, wenn ihr eurem Kind etwas Neues beibringt, im flachen Wasser.
  • Gestaltet jede Einheit mit einigen spielerischen Elementen. Achtet dabei darauf, dass die Spielchen und Geschichten nicht zu kompliziert sind und nicht zu viel Equipment benötigen.

Wie unsere Schwimmbadroutine aussieht?

Da meine Kinder eher zum Team Frostbeule gehören, gehen wir gleich zu Beginn erst einmal ans 25m Becken und springen vom Startblock ins Wasser und der Große schwimmt 1-2 Bahnen.

Dann geht’s relativ zügig in eines der wärmeren Becken. Dort wird dann erst ein wenig geblubbert und dann üben wir aktuell Kraulen bzw. das Auftauchen mit dem Großen und die Kleine springt und taucht nebenher und versucht wie ihre Freunde aus Paw Patrol zu schwimmen.

Beste Bedingungen

Routine ist ein wichtiger Ausgangspunkt für den Erfolg

Das perfekte Schwimmbad erfüllt folgende Voraussetzungen:

  • Es hat ein Becken, in dem Dein Kind problemlos stehen kann – ideal ist es, wenn ihm das Wasser bis maximal zur Brust reicht
  • Das Wasser sollte schön warm sein – 30 Grad oder mehr
  • Es gibt aber auch ein Becken, in dem Dein Kind nicht mehr stehen kann – Du aber schon. Und zwar sollte auch Dir das Wasser nicht bis zum Hals gehen sondern maximal bis auf Brusthöhe.
  • Zusätzlich verfügt das Schwimmbad über Treppen oder Leitern
  • Wellen- oder Sprudelanlagen sollten ausgeschaltet sein
  • Viele Experten raten davon ab, in sog. Spaßbäder mit Rutschen oder Wasserspielplätzen zu gehen. Kinder würden sich dort zu leicht ablenken lassen. Ich bin hier ganz anderer Meinung, da ich in Spaßbädern ganz tolle Erfahrungen gemacht habe: Meine Kinder sehen unheimlich gerne anderen Kindern beim toben, springen aber auch schwimmen zu und haben sich schon das ein oder andere abgeguckt. Außerdem erlauben diese “Spaßanlagen” das Wasser noch einmal ganz anders kennenzulernen.
  • Viele Kinder lieben es, ins Wasser zu springen – informiert Euch vor Eurem ersten Besuch, ob es in Eurem Schwimmbad erlaubt ist, vom Beckenrand ins Wasser (oder in Eure Arme) zu springen und belohnt Euer Kind nach getaner Arbeit mit Sprüngen vom Beckenrand.

Soweit zu meinen Tipps. Aktuell sind ja leider die Schwimmbäder in ganz Deutschland geschlossen. Ihr wollt trotzdem heute schon damit starten, eurem Kind das Schwimmen beizubringen? Das geht auch zuhause! 

Seht euch jetzt mein Video an und erfahrt, welche Grundlagen des Schwimmens ihr eurem Kind zuhause beibringen könnt.

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