Schwimmen und Kindergesundheit: Alles, was Eltern wissen müssen

Rund um Fragen zu Schwimmen und Kindergesundheit steht Dr. Katharina Kohler den Teilnehmern meines Online Seepferdchenkurs zur Verfügung. Im Rahmen eines unserer wöchentliche Kurs-Calls habe ich mit Katharina ein Interview geführt. Dabei ging es um viele wichtige gesundheitliche Themen rund ums Schwimmen – die wollte ich natürlich mit euch teilen!

Corona und Schwimmbad

Mynia: Stichwort Corona und Schwimmen: Wie hoch schätzt du das Risiko für eine Ansteckung beim Schwimmbadbesuch?

Katharina: Richtig viel Literatur gibt es dazu ja nicht. Man geht davon aus, dass im Wasser durch die hohe Verdünnung und das Chlor das Ansteckungsrisiko eigentlich gleich null ist. Das Gute ist natürlich auch, dass die hohe Luftfeuchtigkeit im Schwimmbad dazu führt, dass die Partikel schneller zu Boden sinken. Daher kann man schon einmal davon ausgehen, dass das Risiko für eine Ansteckung im Schwimmbad nicht erhöht ist. Und im Freibad ist es auch weitgehend kein Problem. Allerdings: Überall dort, wo mehrere Menschen aufeinander treffen können (bspw. Kasse und Umkleide) hat man natürlich auch ein hohes Ansteckungsrisiko. Hier  sollte man ganz besonders auf die Einhaltung der AHA-Maßnahmen achten.

Mynia: Und welche Tipps hast du für den Besuch im Schwimmbad zu Corona-Zeiten? Gibt es etwas zu beachten?

Katharina: Eigentlich gibt es nicht besonderes zu beachten. Und ich denke auch, dass die AHA-Regeln uns allen ja schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Es ist vielleicht keine schlechte Idee ein Desinfektionsmittel in die Tasche zu stecken. Schwimmbäder sind ja manchmal doch recht weitläufig, da schadet diese Maßnahme sicherlich nicht.

Schwimmen bei akuten Erkrankungen

Mynia: Bei welchen akuten Erkrankungen rätst du von einem Schwimmbadbesuch ab?

Katharina: Ganz klar bei Fieber, Magen-Darm, Bindehautentzündung oder Bronchitis. Da ist ein Schwimmbadbesuch nicht ratsam, schon alleine, weil das eine unnötige Belastung für das Herz-Kreislauf System darstellt. Auch sollte man bei offenen Wunden lieber aufs Schwimmen verzichten – hier ist das Infektionsrisiko einfach zu hoch.

Schwimmen bei chronischen Erkrankungen

Mynia: Und wie sieht es bei chronischen Erkrankungen aus?

Katharina: Bei chronischen Lungenerkrankungen kann es ein Problem mit der Reizung durch das Chlor-Wasser geben, hier würde ich nur in enger Abstimmung mit dem Arzt schwimmen gehen. Und bei Allergien auf Chlor muss man leider auch von einem Schwimmbadbesuch abraten.

Eine große Diskussion gibt es immer bei dem Thema Paukenröhrchen. Mittlerweile gibt es aber gute Studien, die zeigen: Plantschen und auch Untertauchen sind im flachen Wasser kein Problem. Da die Röhrchen so klein sind, müsste schon massiver Druck von außen aufgebaut werden, damit da etwas passieren kann. Wovor Ärzte viel eher warnen: Kinder dazu zu zwingen Ohrstöpsel zu tragen und panisch darauf zu achten, dass diese immer gut sitzen. Da verunsichert Kinder langfristig nur und ist nicht förderlich. Etwas anderes ist es im Seifenwasser – also in der Badewanne. Dort ist die Oberflächenspannung niedriger. Daher dringt dort das Wasser auch eher in die Röhrchen ein. Daher empfehle ich einfach das Baden ohne Seife und ein Einseifen nur zum Schluß.

Dann kann noch ordentlich geblubbert werden. Dann gibt es noch die große Gruppe der Kinder mit Krampfleiden wie bspw. Epilepsie. Hier muss man natürlich besonders vorsichtig sein und diese Kinder unter keinen Umständen alleine lassen.

Bei den meisten Hauterkrankungen ist Schwimmen an sich kein Problem. In einem akuten Schub (bspw. bei einer Neurodermitis) würde ich allerdings nicht unbedingt ins Wasser gehen, da die Hautbarriere hier schon gestört ist.

Schwimmen und Neurodermitis

Mynia: Hast Du noch einen konkreten Tipp für Eltern, deren Kinder an Neurodermitis leiden?

Katharina: Grundsätzlich kann man sagen, dass Eltern folgenden Ablauf beachten sollten:

  1. Vor dem Schwimmen gut mit einer fetthaltigen Creme die Haut eincremen, damit die Hautbarriere gut hergestellt ist.
  2. Gerade bei gechlortem Wasser nicht zu lange im Wasser bleiben.
  3. Nach dem Duschen direkt wieder mit einer Basis-Creme eincremen und nicht zu lange warten.
  4. Beim Schwimmbadbesuch darauf achten, dass es nicht zu sehr nach Chlor riecht. Dafür sind die sog. Chloramine verantwortlich und diese reizen Haut und Schleimhäute.

Erste Hilfe bei Badeunfällen

Mynia: Kommen wir zum Themenkomplex der Ersten Hilfe: Was kannst du uns zu diesem Thema sagen?

Katharina: Das oberste Gebot in der ersten Hilfe: Sich selber nicht in Gefahr bringen. Wenn am Ende zwei im Eiswasser liegen die gerettet werden müssen, schadet am Ende auch die beste Absicht. Das bedeutet, dass man die äußeren Umstände (bspw. Wassertiefe oder Strömungen) gut kennen sollte und sich selber auch nicht überschätzen darf. Wenn ihr euch entscheidet, die in Not geratene Person selber zu retten, solltet ihr, sobald ihr die Rettung erfolgreich durchgeführt habt, als erstes sofort professionelle Hilfe rufen.

Ist die Person noch ansprechbar und hat sich vielleicht nur verschluckt, dann beruhigen und gemeinsam auf den Notarzt warten. Ist die Person aber nicht ansprechbar und hat keinen Puls mehr, sofort mit der Wiederbelebung starten. Bei Wiederbelebungsmaßnahmen gilt übrigens: Keine Angst haben. Der schlimmste Fehler den man machen kann: Nichts machen!

Bei Erwachsenen läuft die Wiederbelebung wie folgt ab:

  1. Kopf des Erwachsenen deutlich nach hinten überstrecken

  2. Mit der Brustkompression starten

  3. Nach  30 Kompressionen wird

  4. zweimal beatmet und daraufhin

  5. wieder 30 Mal gedrückt.

Bei Kindern hingegen wird nur leicht überstreckt (bei Säuglingen übrigens gar nicht) und
  1. Zuerst 2x beatmet

  2. dann 15 mal gedrückt

  3. Und wieder die Kompression startet

Die Wiederbelebungsmaßnahmen sollten so lange durchgeführt werden, bis der Rettungsdienst vor Ort ist und übernimmt.

Trockenes vs. sekundäres Ertrinken

Mynia: Kannst du uns noch aufklären: Was ist der Unterschied zwischen trockenem und sekundärem Ertrinken?

Katharina: Trockenes Ertrinken trifft Erwachsene wie Kinder gleichermaßen. Und zwar bezeichnet dieser Ausdruck den Tod im oder unter Wasser bei dem kein Wasser in der Lunge gefunden wird. Die eigentliche Todesursache ist hier eigentlich Ersticken durch einen reflexartigen Verschluss der Stimmritzen, der dazu führt, dass die Lungen nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden können. Über diesen Reflex verfügen übrigens nicht nur Kindern sondern auch Erwachsene und er setzt ein, wenn die Stimmritzen in Kontakt mit Wasser kommen.

Vor dem sekundären Ertrinken haben viele Eltern Respekt und Sorge, dass ihr Kind gefährdet ist, wenn es sich mal beim Baden verschluckt hat. In der Regeln ist es jedoch so, dass dem sekundären Ertrinken schon ein Badeunfall vorausgeht, bei dem die Person schon aus dem Wasser gerettet wurde. In wirklich seltenen Fällen kann es dazu kommen, dass sich dann Wasser in der Lunge ansammelt und so der Gasaustausch unterbrochen wird. Erste Anzeichen für ein solches trockenes Ertrinken können sein allgemeines Unwohlsein, Bauchschmerzen oder blaue Lippen. Meine Empfehlung ist daher Kinder nach einem Badeunfall immer ärztlich vorstellen und ggf. ein bis zwei Tage im Krankenhaus ärztlich überwachen lassen, so dass man im Extremfall sofort eingreifen kann. Aber es kommt wirklich sehr sehr selten vor.

Die unterschätze Gefahr am Wasser

Was aber viel häufiger passiert und ich finde, dass hat auch sehr viel mit Gesundheit am Wasser zu tun: Sonnenbrand und Hitzeschlag!

Eine Hautärztin hat zu mir mal gesagt: Wir alle haben ein Konto von dem jedes Sonnenbad abgebucht wird. Kinder buchen dabei aber immer doppelt ab. Heißt: Jeder Sonnenbrand im Kindesalter ist ein ganz ganz hoher Risikofaktor für Hautkrebs im Erwachsenenalter. Also bitte immer mit maximalem Lichtschutzfaktor eincremen und nicht vergessen nach einer Weile oder nach dem Aufenthalt im Wasser erneut zu cremen. Auch sollte Mittagessonne am besten gemieden werden.

Einen Hitzeschlag erkennt man an Kopfschmerzen, Erbrechen oder auch Fieber im zeitlichen Zusammenhang mit einem Aufenthalt in der Sonne. Bei Fieber versuchen das Fieber runter zubringen und zu kühlen (bspw. mit Wadenwickeln) und im Zweifel den Arzt oder das Krankenhaus aufsuchen.

Positive Aspekte des Schwimmen(lernens)

Mynia: Zum Abschluss schauen wir uns jetzt aber mal die positiven Aspekte des Schwimmens an.

Katharina: Abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten die mit der Stärkung von Kraft und Ausdauer einhergehen, ist Schwimmen ist natürlich super für die motorische Entwicklung. Gerade wenn Kinder früh lernen, unterschiedliche Bewegungen von Armen und Beinen auszuführen vernetzen sich die beiden Gehirnhälften und es kommt zu motorischen Vorteilen im Vergleich zu Kindern, die noch nicht Schwimmen können. Ein weiterer Vorteile von Kursen, die sich auch mit Wassersicherheit auseinandersetzen: Kinder lernen Respekt vor dem Wasser zu haben, ohne dabei ängstlich zu werden. Damit kann man wirklich nie genug anfangen!

So was hätte ich mir damals gewünscht, als ich mit meinem Sohn an die Sache rangegangen bin. Den klassischen Anfängerkurs mussten wir gleich 3x buchen und ich erinnere mich noch gut, wie ich schwitzend am Beckenrand saß…da wäre dein Wassergewöhnungskurs wirklich hilfreich gewesen. Und gerade jetzt, wo so viele Kurse ausfallen, die Wartelisten immer länger werden ist es so wichtig, dass Eltern wieder mehr Verantwortung übernehmen. Selbst im Lockdown und ohne Schwimmbad kann man ja schon ganz viel machen, um Kindern das Thema Wasser näher zu bringen!

Profil Dr. Katharina Kohler Katharina ist promovierte Kinderärztin, 3-fache Mutter und seit Kurzem nebenberuflich auch noch als Fotografin für Familien tätig

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